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Die Rolle der Digitalisierung für den Wiederaufbau der Ukraine

21.04.2026

Die Rolle der Digitalisierung für den Wiederaufbau der Ukraine

Die ukrainische IT‑Branche wird als eine der stabilsten und strategisch wichtigsten Sektoren des Landes im Krieg und im Wiederaufbau gehandelt. Am 15. April fand das IFIP-OCG Symposium The role of digital services in Ukraine´s reconstruction in der OCG statt. 

Unter der Moderation von OCG Generalsekretär Ronald Bieber beleuchteten die Vortragenden die entscheidende Rolle innovativer Technologien, digitaler Infrastruktur und datengetriebenen Lösungen für den Wiederaufbau der Ukraine. Eröffnet wurde die Veranstaltung von IFIP Präsident Kai Ranneberg gemeinsam mit Volodymyr Koval von der ukrainischen Botschaft in Österreich.

Alfred F. Praus, Präsident der Ukrainian-Austrian Association, leitete das Symposium mit einem Einblick in die Situation der IT in der Ukraine seit Beginn des Krieges ein. Trotz massiver Zerstörungen und hoher humanitärer Verluste bleibt die IT ein zentraler Wirtschaftsmotor: Sie erwirtschaftet Milliarden an Exporten, schafft hunderttausende Arbeitsplätze und ist technologisch international hoch integriert, etwa in den Bereichen KI, Cybersecurity und DefenceTech. Damit leistet sie einen entscheidenden Beitrag zur wirtschaftlichen Resilienz der Ukraine und wird als Schlüsselakteur für den langfristigen Wiederaufbau und internationale Partnerschaften positioniert. 

Lidiya Lisovska hält einen Vortrag im Heinz Zemanek Saal der OCG, Hinterköpfe des Publikums, Präsentation auf Beamer
Lidiya Lisovska; Foto: OCG

Lidiya Lisovska, Professorin im Department of Management of Organisations an der Lviv Polytechnic National University, sprach über die Herausforderungen für den Wiederaufbau der Ukraine und wie digitale Dienstleistungen auf lokaler Ebene die Resilienz stärken. GovTech‑Lösungen, E‑Demokratie‑Plattformen, Transparenzinstrumente wie Open Budget und digitale Beteiligungsformate tragen dazu bei, staatliche Funktionsfähigkeit, Effizienz und Vertrauen der Bevölkerung auch unter Kriegsbedingungen aufrechtzuerhalten. Digitale Dienste werden als Voraussetzung für nachhaltige Rekonstruktion verstanden – nicht nur zur Mittelverwendung und Koordination, sondern auch zur Stärkung von Rechenschaftspflicht, Bürger*innenbeteiligung und institutioneller Stabilität.

Smart City Konzept unverzichtbar

Natalia Datsiv
Natalia Datsiv; Foto: OCG

Der Vortrag von Natalia Datsiv (Head of Digitalization, Information Policy and Communications, Drohobych City Council) zoomte auf die lokale Ebene und zeigte am Beispiel der Gemeinde Drohobytsch, wie Digitalisierung als Governance‑Instrument wirkt. Der Aufbau einer Smart City wird dabei nicht primär technisch verstanden, sondern als umfassender Prozess für Transparenz, Effizienz, Bürger*innenbeteiligung und datenbasierte Entscheidungen. Digitale Verwaltungs‑, Sozial‑ und E‑Demokratie‑Services stärken die Interaktion zwischen Stadtverwaltung und Bevölkerung, auch wenn einzelne Beteiligungsformate kriegsbedingt eingeschränkt sind. Ziel ist es, Vertrauen aufzubauen und die Handlungsfähigkeit der Kommune trotz Krise zu sichern. 

Karyna Radchenko, Paris Lodron Universität Salzburg, ging allgemeiner auf das Smart Cities Konzept ein, das sich beispielsweise für von Naturkatastrophen betroffene Städte als hilfreicher Zugang erwiesen hat. Trotz mangelnder Vergleichbarkeit, könne sich auch ein Blick auf die arabischen Emirate lohnen, wo quasi aus der Wüste ganze Städte geschaffen wurden. Neben den technischen Aspekten und der Unterstützung von Investor*innen, sind jedoch vor allem die Einbindung der Menschen, die Pflege von Partnerschaften und vor allem Friede wichtige Voraussetzungen, schloss Radechenko.

IFIP Generalsekretär Anatolii Marushchak beleuchtete die Rolle digitaler Dienste und Cybersicherheit im Kontext des EU‑Beitrittsprozesses der Ukraine. Die Ukraine erzielte trotz Krieg erhebliche Fortschritte bei der Angleichung an den EU‑Rechtsrahmen, insbesondere in Bereichen wie digitale Identität (Diia‑Plattform), Open Data, E‑Government und Cyberresilienz. Gleichzeitig sprach er über kommende Herausforderungen, etwa die vollständigen Umsetzung des Digital Services Act, der NIS2‑Richtlinie, der Plattformregulierung und der künftigen Anpassung an den EU‑AI‑Act. Digitalisierung wird in der Ukraine als strategisches Instrument verstanden, um Rechtsstaatlichkeit, Marktintegration und Sicherheit im digitalen Raum zu stärken und den Weg zur EU Mitgliedschaft zu stärken.

Fazit

Im Anschluss moderierte Marushchak die Panel Diskussion mit allen Vortragenden. Das Fazit aller Sprecher*innen: 

Die Digitalisierung ist für die Ukraine zugleich wirtschaftliches Rückgrat und gesellschaftliches Bindemittel: Während die IT‑Branche auf nationaler Ebene Wachstum, Innovation und Wiederaufbau ermöglicht, schafft digitale Governance auf kommunaler Ebene Vertrauen, soziale Kohäsion und Rückkehrperspektiven. Digitalisierung wird so zu einem zentralen Hebel für Resilienz und Zukunftsfähigkeit des Landes. 

Auch hinsichtlich europäischer Integration spielen Digitale Services eine wesentliche Rolle. Während rechtliche Angleichung, Cybersicherheit und Plattformregulierung die strukturelle Einbindung der Ukraine in den EU‑Digitalraum vorbereiten, sichern GovTech‑ und Transparenzlösungen Vertrauen, Steuerungsfähigkeit und Legitimität im Wiederaufbau. Digitalisierung wird damit zu einem zentralen Hebel für eine zukunftsfähige, europäisch integrierte Ukraine.

Gruppenbild der Vortagenden und Moderatoren es Symposiums Digital Services (8 Personen im Bild, Zemanek Saal/OCG)
N. Datsiv, L. Lisovska, A. Praus, K. Ranneberg, K. Radchenko, V. Koval, R. Bieber und A. Marushchak (v. l. n. r.); Foto: OCG